Freitag, 29. Dezember 2017

Food Porn hat im Alltag keinen Platz

Zu Weihnachten habe ich ein Kochbuch geschenkt bekommen. Ich liebe es neue Gerichte zu entdecken. In meinem Bücherregal reihen sich Grundkochbücher neben verschiedenen Länderküchen und viel asiatisches. Auch neben meinem Sofa liegt immer ein Kochbuch, in dem ich in der Früh während ich meinen Kaffee trinke ein wenig blättere.
Allerdings kommt es immer häufiger vor, dass ich ein Kochbuch so schnell wieder zuschlage wie ich es aufgeschlagen habe. So ging es mir mit dem Neuen auch.
Das Foto zeigte ein tolles Bild von einem Salat. Seitlich guckten aus dem bunten Blattsalat von rotem Spinat, Feldsalat und Rucola, die Spitzen von hellgrünem Friseesalat heraus. An mehreren Ecken waren Blätter von rotem Chicoree drapiert. Der Sattmachern-Anteil war ein hartgekochtes Ei in Scheiben geschnitten und etwas Schinkenwürfel. Die schaumig aufgeschlagene Vinaigrette floss dramatisch über die Blätter und den Tellerrand.
Das Bild sprach mich an!
Als ich anfing den Salat gedanklich zu dekonstruieren, damit ich ihn mit meinen Möglichkeiten nachbauen konnte (Friseesalat, roten Spinat und roten Chicoree bekomme ich nur im 30 km entfernten Augsburg) fiel mir auf, wie simpel das Ganze eigentlich war. Tatsächlich ist es eigentlich ein Alltagsessen, wie es beinahe jeden Monat irgendwann mal in meiner Lunchbox  auftaucht, insbesondere dann wenn ein paar Scheiben Schinken und ein letztes hartgekochtes Ei aufgebraucht werden müssen. Ich bin auf Food Porn hereingefallen.

Mir ist klar, dass Food Porn hauptsächlich von den Bildern lebt und nicht so sehr von den Rezepten. Aber diese Welle schwappt immer mehr auch in die "normalen" Kochbücher. Anstatt neuer aufregender Geschmackskombinationen oder Zusammenstellungen, finden sich dort immer mehr Alltags-Rezepte die mit fancy Bildern und ungewöhnlichen Zutaten ins rechte Bild gerückt werden. Nun mal ehrlich, im Alltag kommt doch anstatt dem roten Spinat, Frisee und rotem Chicoree ein roter Eichblattsalat, Feldsalat und gelber Chicoree (oder oft auch nur ein Kopf Eisbergsalat, weil mir die Salatwascherei zu viele ist) mit einer normal angerührten Vinaigrette auf den Tisch. Zutaten, die man in jedem Supermarkt bekommt.
Also wieder mal ein Kochbuch das nur "Haben-Wollen" weckt und mich in Versuchung bringt einem Lifestyle hinterherzuhecheln, den ich mir weder finanziell leisten kann noch dass er mich satt macht. Wer braucht schon Frisee-Salat? Ich sage ja nichts gegen ein tolles Essen hin und wieder in einem netten Restaurant oder im Stadtmarkt eingekauft und daheim liebevoll zubereitet. Aber doch nicht im Alltag. Im Alltag brauche ich Essen, das mich satt macht und Energie für den Tag gibt. Ob das toll aussieht oder eine Geschmacksexplosion ist, ist doch im Alltag egal.
Genau da will ich wieder hin. Ich will Essen für mich wieder entzaubern und es zu dem machen, was es ist. Ein Energielieferant, mehr nicht!

Ich hör' Euch schon argumentieren "Aber das Auge ißt doch mit und gut schmecken soll es doch auch. Sonst stehe ich doch unzufrieden vom Tisch auf und der ganze Tag ist im Eimer." Das mag ja sein, aber das ist der falsche Fokus im Alltag. Im Alltag muss ich mich doch darauf konzentrieren meine Aufgaben so gut wie möglich zu bearbeiten und zu Ende zu bringen. Ich muss mich darauf konzentrieren das Haus sauber zu halten und die Kinder rechtzeitig in die Schule und anschließend etwas Essbares (und Nahrhaftes) auf den Tisch zu bringen. Wenn ich dabei immer auch noch den Anspruch habe, dass das Essen etwas Besonderes und eine Geschacksexplosion sein muss, halse ich mir unnötigen Druck und unnötige zusätzliche Kosten auf. Ob die Fischstäbchen heute selbst gemacht mit Zanderfilet sind oder vom Käptn, ist doch für den weiteren Tag (und in der Regel für die Kinder) wurscht. Im schlimmsten Fall essen sie beides nicht.

Wie kann es statt dessen aussehen? Vor den Weihnachtsfeiertagen haben wir alle gemeinsam (5 Erwachsene, 2 Kinder unter 10 Jahren) zu Mittag gegessen. Diesmal hatten wir uns allerdings vorher darauf geeinigt, dass es nur etwas "Einfaches" geben soll, da an beiden Tagen für den Abend jeweils Essenseinladungen angestanden haben. Also gab es zuerst eine Kartoffelsuppe und anschließend Pfannkuchen mit Marmelade und am zweiten Tag Reiberdatschi mit selbstgemachtem Apfelkompott. Nichts aufregendes, aber es hat alle satt gemacht. Wir sind (beinahe) alle zufrieden vom Tisch aufgestanden. Die Männer haben ein wenig gemotzt, da halt sehr wenig Protein enthalten war und das einen Mann nicht lang satt macht. Das versteh' ich. Ich habe auch Heißhunger-Anfälle, wenn ich zu wenig Protein esse. Aber in diesem Fall gab es ja dann Abends wieder Fleisch.

Ich esse um zu leben. Da muss das Essen nicht fancy und teuer sein. Es muss ausgewogen sein und satt machen.



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